Seit einem Verkehrsunfall im letzten Jahr ist der Chemnitzer Sascha Stoltze querschnittsgelähmt
„Er fuhr mit der Honda los und kam im Rollstuhl zurück“
Von Thomas Gillmeister
Sie sind ein flippiges Paar: Kathrin (43) und Sascha (36) Stoltze aus Chemnitz. Sie heirateten heimlich, kauften ein altes Haus im Grünen, pflegten ihre Hobbies. Bis zum 5. Juni 2007. An diesem Tag zerstörte ein tragischer Unfall das Glück der beiden: Ein 81-jähriger Autofahrer nahm Sascha die Vorfahrt Seitdem ist der ehemalige Motorradfahrer querschnittsgelähmt.
Bei Stoltzes ist alles ein wenig anders. Nie würden sie beispielsweise ein Katzenhaus von der Stange kaufen. Für ihre beiden Miezendamen „Würfel“ und „Kegel“ zimmerten sie eine Behausung selbst zusammen. Das Windspiel im Garten besteht aus ausgemustertem Besteck. Schüsseln, Blumentöpfe und Figuren töpfert man selbst. Und dabei wird gelacht und gefoppt. Ihre Art der Ablenkung.
Seit über einem Jahr ist Sascha rein körperlich gesehen nicht mehr aus Augenhöhe mit seiner geliebten Kathrin. Er sitzt querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Heute kann er mit dem „Rolli“ spielend leicht umgehen. Die Armmuskeln, die unter seinem Poloshirt hervortreten, zeugen von hartem Training in den letzten Monaten.
Schon immer musste der chronisch Nierenkranke kämpfen. Dabei wollte er so sein wie andere Männer in seinem Alter auch. Nur auf seinem Motorrad, geschützt durch dicke Lederbekleidung, gelang es ihm zu vergessen, dass er nur noch eine Niere hat. Unzählige Male lag er deshalb im Krankenhaus. Dort, an einem der vielen Abende, erzählte er einst Krankenschwester Kathrin sein Leben. Sie wunderte sich über seine Offenheit, Vertrautheit. „Es war so, als wenn wir uns schon ewig kannten“, erinnert sie sich. Ein paar Tage später lud er sie zum Essen ein. „Ich trat über seine Schwelle und hatte Schmetterlinge im Bauch.“, schwärmt sie.
Drei Wochen später zogen sie zusammen. Um die Romantik der Hochzeit im Wonnemonat Mai ganz allein für sich zu genießen, verzichteten sie auf große Gesellschaft. Und typisch für die sympathischen Sachsen: „Weil die Verwandtschaft jahrelang nach Hochzeitsfotos fragte, stellten wir fünf Jahre später mit geborgten Sachen im Garten einfach ein Foto nach“, verrät Kathrin Stoltze lachend.
Mitten in diesem Überschwang der Gefühle, endlich den richtigen Partner gefunden zu haben, passierte plötzlich das Unfassbare. Es war der 5. Juni 2007, der das Leben der beiden Verliebten für immer verändern sollte. „Ich fuhr mit meinem Motorrad durch Chemnitz, wollte mir etwas zu essen holen“, denkt Sascha zurück.
„Plötzlich nahm mir ein 81-jähriger auf der Augustusburger Straße die Vorfahrt. Ich knallte voll gegen seinen Honda Civic.“
Filmriss. Es vergingen mehrere Wochen, bis Sascha wieder klar denken konnte. Als er dann im Krankenbett seinen Fuß bewegen wollte, ging das nicht mehr. Für ihn brach eine Welt zusammen. Schon als Krankenschwester Kathrin ihren Mann in der Notaufnahme sah, wusste sie sofort, dass sie von nun an immer einen Dauer-Patienten zu hause hat. Doch sie haderte nicht mit ihrem Schicksal, sondern kümmerte sich rührend um ihren Sascha. Außerdem ließ sie inzwischen das gemeinsame Häuschen behindertengerecht um- und ausbauen.
Als Sascha nach rund vier Monaten im Rollstuhl nach Hause kam, lagen die Eheleute sich weinend in den Armen. „Bis dahin funktionierte ich nur, dann brach ich zusammen“, erzählt Kathrin leise. Sascha konnte nicht tatenlos zusehen, wie seine bis dahin so starke Frau litt. Er schwor sich, sie aus dem tiefen Tal herauszuholen, obwohl er selbst noch so manche bittere Niederlage wegstecken musste. „Als ich dann erfuhr, dass der Unfallverursacher mit einer Geldstrafe von 2800 Euro davonkam ... Da kann man schon den Glauben an die Gerechtigkeit verlieren“, kritisiert Sascha.
Nun sind die Stoltzes auf einem guten Weg. Kathrin geht wieder arbeiten. Ihr Mann hat es gelernt, die fehlende Beinkraft durch seine muskulösen Arme zu kompensieren. Und für sie gibt es nichts Schöneres, als wenn er sie vertrauensvoll in seine starken Arme schließt.
Die Hilfe für andere hilft auch ihm selbst
Sascha Stoltze spürte nach seinem Unfall, wie viele Menschen ihm ganz spontan und uneigennützig halfen. Nun, da es ihm jetzt wieder besser geht, möchte der Diplom-Programmierer am Computer aktiv sein, um einen Teil der geleisteten Hilfe an andere zurückzugeben.
Deshalb betreibt er ein Internetportal und verkauft sogenannte Hyperlinks – elektronische Verweise, die zu einer anderen Internetseite führen. Den Obolus, den er durch diese Verkäufe einnimmt. Spendet der Querschnittsgelähmte für kleine Patienten der Station D 083 an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters in Chemnitz.
„So können beispielsweise die Kinder bei einem Ausflug auch mal ein leckeres Eis essen, ohne dass vorher bürokratisch bei den Eltern dafür Geld eingesammelt werden muss“, erklärt Sascha Stoltze freudestrahelnd.
„Seit April sind schon über 250 Euro bei uns eingegangen“, sagt Christian Rösler (57), Klinik-Verwaltungsleiter und Schatzmeister des Fördervereins der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiartie. „Von dem Geld haben wir bislang Spielsachen für die Station gekauft und wollen bald für keine Weihnachtsgeschenke erneut einkaufen gehen.“ In der Klinik werden seelisch kranke Kinder mit Persönlichkeitsentwicklungsstörungen behandelt, die weglaufen, stehlen, zündeln, einnässen, durch Schlaf- und Essstörungen oder Autismus auffallen.
„Bislang kennen wir Herrn Stoltze nur durch seine Spendenüberweisungen“, bekennt Rösler. Doch das soll sich ändern. Nächste Woche wollen die Mitglieder des Fördervereins den unbekannten Spender zu einem ersten Kennenlernbesuch einladen. Wer auch helfen möchte: www.linkspenden.eu
Motorräder waren seine Leidenschaft
Schon immer war Sascha Stoltze vom Fahren auf zwei Rädern begeistert. Mit 15Jahren kaufte er sich vom Jugendweihgeld sein erstes Moped: eine gelbe Simson S51. Ein Jahr später machte er seine Motorradfahrerlaubnis. Kurz danach war er stolzer Besitzer seines ersten DDR_Motorrades, einer hellblauen TS 150.
Nach der Wende konnte er plötzlich aus einem riesigen Motorradangebot auswählen. Doch 1990 war Sascha gerade mit seiner Lehre zum Industriekaufmann fertig. Deshalb fehlte natürlich das Geld für eine nagelneue Maschine. Da entdeckte er bei einem Händler ein völlig heruntergekommenes schwarzes Motorrad vom Typ Honda CB 400 T mit 46 PS. Sascha Stoltze kaufte es trotzdem. Der Preis: 300 D-Mark. Erbaute es mit unheimlich viel Liebe und Enthusiasmus wieder auf und fuhr mit ihm drei Jahre lang bis zu 190 km/h.
Der Motorradfreak blieb seiner Marke treu. Schließlich kaufte er sich ein dunkelrotes Sportmotorrad vom Typ Honda CBR 900 RR mit rund 130 PS. Sein großer Traum. Doch keine Raserei mit ihr wurde ihm zum Verhängnis, sondern eine ganz normale innerstädtische Fahrt auf der Augustusburger Straße in Chemnitz auf dem Weg zu einem Schnellrestaurant.
Artikel in der `Morgenpost am Sonntag´ - Anklicken zum Vergrössern
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